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Vorgeschichte.

Der Abend.

An dem einen Erev Schabbat sitzen hauptsächlich Freikirchler in der Zuhörermasse, sie sitzen dort aus Interesse und weil sie verstanden haben, dass die Ersatztheologie keinen Platz in einem auf der Bibel gegründeten Glauben haben kann. Als das Programm um ist, beginnt ein fröhliches Erzählen und Fragen. Auch zu mir, dem einundzwanzigjährigen jungen Mädchen, kommen einige interessierte Christen. Die Fragen sind immer dieselben und enden meistens in Verwunderung. Manch einer kann die Tatsache, dass ich keine “bekehrte Jüdin” bin, sondern eine Christin, die ihre jüdischen Wurzeln beginnt zu entdecken, stehen lassen. Andere beginnen zu diskutieren. Diese Diskussionen habe ich irgendwann gelernt, abzublocken. Kann man einer Person ihren Glauben absprechen? Aber an diesem Abend herrscht Friede, Freude und Austausch. Ein Ehepaar aus einer evangelischen Kirche fragt an, ob wir als Musikgruppe nicht bei einem in ihren Gebäuden stattfindenden Seminar mit Johannes Gerloff spielen könnten. Wir sagen zu.

Einige Monate später, es ist wohl Januar und inzwischen 2005 bereiten wir uns auf den “Auftritt” vor, positionieren die Mikros, die Instrumente und sind einfach gespannt, was uns erwarten wird. Der Kirchenraum füllt sich, altbekannte Gesichter gesellen sich zu neuen und alle blicken zu der kleinen Empore hinauf. Durch das wöchentliche Spielen in den eigenen Gemeinderäumen ist eine gewisse Routine da, aber eine fremde Umgebung bleibt erst einmal fremd. Damit alle mitsingen können, spielen wir einige bekannte hebräische Lieder mit eigenwilligen deutschen Übersetzungen dazu, aber gut. Zu der Zeit störte sich keiner daran- zumindest nicht öffentlich. Das Seminar über die israelische Politik habe ich nicht mehr vor Augen, ich hatte einfach zu wenig Vorwissen, um alles zu verstehen. Doch darum soll es gar nicht gehen..

Nach dem Seminar steuert eine kleine, energische Frau auf mich zu und zieht mich in eine der Sitzbänke. Und an dieser Stelle, die ich nie vergessen werde, eröffnet sie mir etwas. Etwas Gutes. Und etwas Schönes.

Vorgeschichte.

Quelle: bible-art.info

Ein Prediger aus Israel, an dem wenig jüdisch ist und eine Gruppe christlicher Gläubiger, die voller Freude und dauerlächelnd diesen Israeli anschauen. Er soll ihnen ein Stück des jüdischen Glaubens zeigen. Ein Stück dessen, woraus das Christentum geformt und wiederum bis zur Unkenntlichkeit verändert wurde. In Wirklichkeit pocht in allen der Gedanke der hoffentlichen Bekehrung des Juden und tatsächlich: er ist ein “bekehrter” Jude und somit eigentlich ein Christ, denn noch nicht einmal die Kopfbedeckung bekennt seine “Jüdischkeit”. Damit alles ein wenig jüdischer wirkt, steht eine jüdisch-christliche Musikgruppe vorne, ein kräftiger graubärtiger Mann liest die hebräischen Worte schleppend ab, hebräische Lieder werden gesungen und nur zum Teil verstanden. Und doch: es kommt von Herzen. An der Gitarre spielt eine junge einundzwanzigjährige Frau, sie wirkt eher wie siebzehn, aber sie traut sich in ein Mikro zu singen und die kleine Musikgruppe anzuleiten. Erev Schabbat in einer christlichen Gemeinde und der israelische Prediger spricht von Ruth, von ihrer Entscheidung dem jüdischen Volk anzugehören. Ihr Mann, sowie ihr Schwiegervater starben in fernen Landen, aus denen sie stammt. Und sie beschließt, ihre Schwiegermutter zurück nach Israel zu begleiten. Dein Volk ist mein Volk- das sind ihre Worte. An dieser Stelle dreht der Prediger sich um, schaut mich, die einundzwanzigjährige Gitarrenspielerin an und fordert mich auf, nach vorn zu kommen. Die kleine Menge soll sich vorstellen, ich wäre Ruth. Den Rest höre ich nicht mehr, er geht unter in mir. Als hätte ich geahnt, dass Ruths Weg meinem ähneln würde.  Vielleicht erzählte er auch die Geschichte Esthers, die mitten unter den Feinden zu ihrem Volk stand und Gnade fand vor dem König: Israel wurde eines der wenigen Male in der Geschichte gerettet statt nahezu vertilgt. Möglicherweise sollte ich eine Esther, eine Hadassa darstellen. Beide jüdische Frauen sprechen mich an. Und beide spielten wohl eine Rolle auf meinem Weg in das eine Land, das noch heute mein Herz erwärmt..

Auf jedem bunten Teller liegt ein Stück gegrilltes Lamm, in der Mitte des Tisches selbstgemachtes ungesäuertes Brot, also aus ganz ohne Hefe und anderen Backtriebmitteln angerührtem Teig, und ganz rechts neben den Oliven gekaufte, knochenharte Mazzot (ungesäuerte Brote). Außerdem steht der Rest des Mahles nicht auf dem Tisch, denn sonst hätten wir Menschen keinen Platz mehr gefunden: es gab noch mehr zu essen. Ohja.

Und es war sehr lecker und der Wein.. der Wein ist einfach ein Gedicht. Lieblich und sehr süß.

Gerade habe ich wieder Sport auf meiner Matte gemacht. Aber nicht, was Esra so denkt. Also wirklich! Tsts.

Jedes Jahr, wenn es beginnt grün und warm zu werden, wächst meine Vorfreude auf das Passafest. Und heute abend ist es soweit. Mit ein paar Freunden werden wir eine schöne Zeit verbringen und ab Morgen eine Woche lang nur ungesäuertes Brot essen, um uns am siebten Tag noch einmal zu treffen und das Fest abzuschließen.

Und einmal würde ich liebend gern in Israel sein, wenn es beginnt zu blühen und zu grünen. Aber das ist hier ja nicht unbekannt.

In diesem Sinne schöne Feiertage euch und uns (je nachdem wer was “feiert”.)

Tatsache ist, dass es begonnen hat, Frühling zu werden. Aber es ist nur ein Anfang und bis es wirklich richtig warm wird, kann es noch ein Weilchen dauern. Vorsicht Pessimismus! Und dann ist schon fast wieder Herbst. In diesem Teil der Welt ist mir der warme Teil des Jahres immernoch zu kurz, viel zu kurz. Deshalb schließe ich nicht aus, irgendwie irgendwo irgendwann mal mit meinem Liebsten auszuwandern. Aber nicht mit Hoffnungen a la besseres Leben, denn das Leben hier ist wirklich lebenswert und trotz aller Schwierigkeiten haben wir es einfach supergut. Aber die Sonne, die Sonne fehlt mir so. Die Wärme und Hitze, die mich von Kopf bis Fuß erfüllt und wärmt, die brauche ich unbedingt. Ich kann auch mit Schnee und Eis und Regen leben und falls ich hier bleiben sollte, könnte ich es sehr wohl. Aber ich träume so gern von dieser wärmeren Zukunft.

Meine Schwester ist mit ihrem Liebsten gerade in den Urlaub nach Israel geflogen und ich wünschte, sie hätten mich mit in den Koffer gepackt. Israel war für mich ein besonderer Lebensabschnitt und dabei begann dieser Abschnitt für mich eher mit einem schmerzhaften Abschied.  Ich musste mich entscheiden- zwischen meinem Glauben und einer zart beginnenden Liebe- und ich entschied mich für meinen Glauben. Er entschied sich gegen meinen Glauben, was die Sache schmerzhafter und gleichzeitig leichter für mich machte. Und diese erste Trennungserfahrung führte mich auf neue Wege meines Lebens. Sie machte mich schwach und stark zugleich, wie nie zuvor.

Aber das war nur der Anfang.

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